Schnullifaxx

Schnullifaxx, der; -(e)s, -e: unterirdisch lebend; Körperform: vorwiegend rund; lebt in Familienverbänden. Von Natur aus rosa, in der Praxis stets dreckig und voller Erde. Ein sauberer Schnullifaxx gilt als unanständig. Einzig sichtbare rosa Stelle: die Stupsnase (dort haftet kein Dreck). Zusammengerollt von einem gewöhnlichen Grasbüschel kaum zu unterscheiden. Ernährt sich pflanzlich, mit ausgeprägter Vorliebe für Honig und Käse; gelegentlich, wenn der Herbst nass ist und ein Regenwurm unvorsichtig nach oben kommt, wird dieser wie eine Spaghetti geschlürft (mit einem leisen Plopp an der dicken Stelle). Ausgezeichnete Eichhörnchen- und Krähenreiter. Bekannt für harmlosen Unfug, tiefen Ernst in Fragen der Haselnuss sowie für ein Grinsen, das nichts Gutes verheißt. Das Verhältnis zu Mäusen ist kompliziert. Natürliche Feinde: Katzen, Füchse. Der Mensch gilt weniger als Bedrohung denn als Gelegenheit, z. B. Schnürsenkel zu verknoten.

Es gibt Dinge auf der Welt, die die meisten Menschen niemals sehen, obwohl sie jeden Tag daran vorbeigehen.

Eine Wiese zum Beispiel. Eine ganz gewöhnliche Wiese, wie sie am Rand von Gärten wächst, oder zwischen Kopfsteinpflaster, oder unter alten Terrassen, wo niemand mehr hinschaut. Grashalme. Ein Büschel hier, ein Büschel dort. Nichts Besonderes.

Und doch.

Wenn du dich einmal, nur einmal, wirklich hinkniest und genau schaust, lang genug, bis deine Knie feucht werden und die Erde riecht wie Erde eben riecht: nach Tiefe und nach Dunkel und nach etwas Lebendigem, das sich da versteckt, dann siehst du vielleicht, wie einer der Grasbüschel blinzelt.

Das ist ein Schnullifaxx.

Niemand weiß genau, wie lang es die Schnullifaxxe schon gibt. Sie selbst wissen es auch nicht, und ehrlich gesagt interessiert es sie nicht besonders. Sie haben Wichtigeres zu tun. Haselnüsse zum Beispiel. Und Honig. Und die Frage, ob der Schnullifaxx von nebenan wirklich geglaubt hat, man hätte nicht gesehen, wie er den Käse weggenommen hat.

Was man weiß: Die Schnullifaxxe leben unter der Erde. Nicht weil die Erde so schön ist, obwohl sie das ist, sondern weil sie dort sicher sind, warm, und weil niemand auf die Idee kommt, einen Grasbüschel zu fragen, was er da macht. Das kommt ihnen sehr gelegen.

Sie sind rosa.

Das klingt vielleicht seltsam, aber tief unter all dem Dreck, unter den Rissen und Krusten, in der samtweichen Haut, die so viel Erde in sich trägt wie ein alter Weg, ist ein Schnullifaxx rosa. Hell und zart, wie ein Pfirsich, der noch nicht ganz reif ist.

Man sieht es nur an der Nase.

Die Nase ist immer feucht, Schnullifaxxnasen sind nun einmal so, und deshalb haftet dort kein Dreck. Sie leuchtet hervor wie ein kleines rosa Warnzeichen: Hier. Hier bin ich. Schau genau hin.

Ein einziges Mal soll ein Schnullifaxx in einen Regenschauer geraten sein. Er kam nach Hause, völlig rosa, von Kopf bis Fuß, nass und sauber wie am ersten Tag. Die Kinder schrien. Nicht aus Angst. Aus Entsetzen.

Und seine Frau. Sie sagte kein einziges Wort. Sie schaute ihn an, lang und schweigend, mit einem Blick, der schlimmer war als jedes Wort. Dann drehte sie sich um und machte weiter mit den Löwenzahnbetten.

Man spricht noch heute davon.

Der Dreck, das muss man verstehen, ist keine Nachlässigkeit. Er ist Würde.

Ein Schnullifaxx ohne Dreck ist wie ein Abend ohne Sterne, irgendwie da, irgendwie hell, aber ohne das Richtige. Ohne das, was man spürt, wenn man in den Nachthimmel hinaufschaut und weiß: da ist mehr als das, was man sieht.

An manchen Stellen ist der Dreck trocken und rissig, weil er schon lange dabei ist. An anderen Stellen noch dunkel und feucht, frisch aus dem Tunnel, riechend nach allem, was wir längst vergessen haben. Beides zusammen: das ist ein Schnullifaxx.

Gegessen wird, was die Erde hergibt. Beeren, Wurzeln, Pilze und natürlich Nüsse. Wenn man das Glück hat, welche zu finden, bevor jemand anderes es tut. Und Honig. Selbstverständlich Honig. Immer Honig, wenn irgendwie möglich. Ein Schnullifaxx, der Honig riecht, hört auf zu denken. Das geht einfach so.

Schnullifaxxe sind keine Fleischfresser. Das ist so sicher wie der Regen und die Erde.

Nur manchmal, wenn der Herbst nass ist und die Regenwürmer nach oben kommen, überkommt es einen. Einfach so. Man kann nichts dagegen tun. Man will auch gar nichts dagegen tun. Ein Regenwurm verschwindet mit einem leisen „Plopp“, und der Schnullifaxx schaut danach so aus, als wäre gar nichts gewesen.

Die Zahnlücken kommen auf andere Weise. Ein Schnullifaxx, der etwas Unbekanntes sieht, muss es zuerst probieren. Das ist keine Unvorsichtigkeit. Das ist Neugier, und Neugier ist eine Tugend. Nur manche Dinge, das lernt man mit der Zeit, beißt man besser nicht an. Einen Regenschirmgriff zum Beispiel. Oder einen Schlüssel. Oder das eine Mal, das jeder Schnullifaxx kennt und von dem keiner gerne spricht.

Das Gras wächst auf dem Kopf. Und auf den Schultern. Und über den Rücken, wo es etwas kürzer ist, weil man darauf schläft, und Gras, auf dem man schläft, wächst nun einmal anders als Gras, das frei in den Himmel wachsen kann. Natürlich.

Es ist echtes Gras. Grasgrün. Es wächst nach oben, zum Licht hin, auch wenn das Licht manchmal weit weg ist. Es spreizt sich nach allen Seiten, unregelmäßig und eigenwillig, wie alles Lebendige wächst, wenn man es in Ruhe lässt.

Und wenn ein Schnullifaxx sich zusammenrollt, ganz langsam, wie ein Igel, der die Welt für eine Weile satt hat, dann ist er verschwunden. Eine Kugel. Ein Büschel. Gras, das da wächst, weil Gras eben wächst. Niemand fragt, warum. Niemand kommt auf die Idee, dass da jemand wartet.

Bei den Frauen wachsen Blumen im Gras. Margeriten. Glockenblumen. Manchmal Löwenzahn, der leuchtet wie eine kleine Sonne.

Jede Frau hat ihre eigene Blume, und man erkennt sie daran, so wie man Menschen an ihrer Stimme erkennt oder an der Art, wie sie lachen. Die Blumen kommen einfach. Niemand pflanzt sie. Sie gehören dazu.

Die Männer haben keine Blumen. Dafür tragen sie ein Zeichen ihrer Abenteuer: eine Feder hinter dem Ohr, die von einer Krähe stammt, die man lieber nicht geärgert hätte. Oder einen winzigen Mäusezahn, aufgefädelt auf eine Schnur aus Gras. Eine Erinnerung an einen Streit um ein Stück Käse, den man natürlich gewonnen hat.

Bei Kindern aber weiß man das alles noch nicht. Ob ein kleiner Schnullifaxx ein Mädchen oder ein Junge ist, weiß man schlicht nicht. Es spielt auch keine Rolle. Sie sind alle gleich rund, gleich dreckig, gleich laut.

Erst wenn die ersten ruhigeren Jahre kommen, wenn der Wirbelsturm etwas nachlässt, fängt bei manchen ein zartes Pflänzchen an zu wachsen. Die erste Blume, noch winzig und ein bisschen schief, wie alles, was zum ersten Mal wächst. Dann weiß man es. Und bei den anderen fängt das Schielen nach Federn an.

Sie leben in Familien. Große Familien, kleine Familien. Manche Höhle hat drei Kinder, manche hat sieben, und manchmal weiß die Mutter selbst nicht mehr genau, wie viele es sind, bis sie abends die Löwenzahnblätter zählt.

Wer einmal ein Schnullifaxx-Kind gesehen hat, versteht die Mutter sofort. Ein Schnullifaxx-Kind ist kein Kind. Es ist ein Wetterphänomen.

Es rennt, springt, fällt, steht auf, fällt wieder, steckt Dinge in den Mund, die nicht in den Mund gehören, streitet mit den Geschwistern um etwas, das keiner von beiden will, und ist dreimal um die Höhle gerannt, bevor man überhaupt angefangen hat zu zählen. Mehrere davon zusammen sind kein Lärm mehr. Das ist ein Sturm. Ein echter, kreiselnder, lauter Sturm.

Dann legen sie sich hin. Alle. Auf einmal. Manchmal noch mitten im Satz.

Löwenzahn welkt über Nacht. Das ist sein Wesen. Deshalb geht die Mutter jeden Abend hinaus, sammelt frische Blätter, so viele, dass ihre Arme kaum reichen, und macht daraus die Betten. Die Kinder kommen rein, schmeißen sich drauf, plumps, plumps, plumps, eines nach dem anderen, und schlafen, bevor die letzte Nase in den Blättern versunken ist.

Der Geruch von frischem Löwenzahn ist Zuhause. Das weiß jeder Schnullifaxx. Das vergisst man nie.

Der Vater kommt manchmal erst, wenn die Kinder schon schlafen. Er riecht nach Abenteuern und nach Dingen, die noch weit weg sind. Er setzt sich neben das Bett, und wenn die Kinder nicht schlafen, was sie natürlich nie tun, wenn er kommt, dann erzählt er. Von dem Drachen, auf dem er einmal um die Welt geflogen ist, um Artverwandte zu suchen. Von den Kämpfen um Käse, die er immer gewinnt. Und ein bisschen von den Kämpfen, die er auch verloren hat, aber das nur leise, und nur die Schlausten hören es heraus.

Die Mutter hört auch zu. Sie tut so, als würde sie nicht, aber sie hört zu.

Mit den Mäusen ist es kompliziert.

Mäuse und Schnullifaxxe wollen dasselbe: warme Löcher, dunkle Gänge, Käse wenn möglich und Ruhe wenn nicht. Das führt zu Missverständnissen. Und zu Streit. Und manchmal, wenn eine Hummelkönigin auftaucht und anfängt, die Maus aus ihrem Bau zu treiben, sitzt der Schnullifaxx daneben und schaut zu und wartet, bis beide weg sind.

Das nennt man Weisheit.

Wenn die Katze kommt, stehen Maus und Schnullifaxx nebeneinander. Das versteht sich von selbst. Und danach streiten sie wieder, um die Haselnuss, die eindeutig ihm gehört und genausso eindeutig ihr, um den Käse, der eindeutig ihr gehört und genausso eindeutig ihm. Aber das ist eine andere Geschichte.

Untereinander, das muss man wissen, sind Schnullifaxxe wie Geschwister. Sie streiten verbittert und ernsthaft um Dinge, die niemand sonst versteht. Eine einzige Haselnuss kann eine Fehde auslösen, die drei Winter dauert. Ein verschwundenes Stück Käse kann Wunden hinterlassen, die tiefer gehen als jede Kratzspur.

Aber wenn jemand von außen kommt, wenn ein Mensch zu nah herantritt, oder ein Fuchs die Nase in die falsche Höhle steckt, oder wenn der Regen zu lang fällt und die Tunnel unter Wasser stehen, dann sind sie eins. Schultergras an Schultergras. Keine Fragen. Kein Zögern.

Das ist vielleicht das Wichtigste, was man über sie wissen muss.

Es gibt sie in den Bergen, grau und kurzhaarig, angepasst an Fels und Wind. Es gibt sie in der Wüste, sandfarben und mit schmalen mandelförmigen Augen, weil Sand in den Augen nun einmal wehtut, und die Evolution weiß das auch. Es gibt sie in Sümpfen, dunkelgrün und feucht und selten. So selten, dass manche sagen, es gibt sie gar nicht. Aber das stimmt nicht.

Aber am häufigsten findet man sie dort, wo man nicht sucht: unter Terrassen und in Kellern, in den Wurzelkammern alter Bäume, in den Ecken von Gärten, wo das Gras nicht gemäht wird, auf Wiesen, am Feldrand, am Waldrand.

Und wenn du dann wieder aufstehst, weil deine Knie kalt sind, dann schau noch einmal zurück.

Der Büschel, der gerade geblinzelt hat, tut jetzt so, als wäre nichts gewesen.

Das macht er immer so.