Der erste Knopf

Der erste Knopf

ein Schnullifaxx-Abenteuer
von Eric Jankowfsky

Schnullifaxx, der; -(e)s, -e: unterirdisch lebend; Körperform: vorwiegend rund; lebt in Familienverbänden. Von Natur aus rosa, in der Praxis stets dreckig und voller Erde. Ein sauberer Schnullifaxx gilt als unanständig. Einzig sichtbare rosa Stelle: die Stupsnase (dort haftet kein Dreck). Eingeigelt von einem gewöhnlichen Grasbüschel kaum zu unterscheiden. Ernährt sich pflanzlich, mit ausgeprägter Vorliebe für Honig und Käse; gelegentlich, wenn der Herbst nass ist und ein Regenwurm unvorsichtig nach oben kommt, wird dieser wie eine Spaghetti geschlürft (mit einem leisen Plopp an der dicken Stelle). Ausgezeichnete Eichhörnchen- und Krähenreiter. Bekannt für harmlosen Unfug, tiefen Ernst in Fragen der Haselnuss sowie für ein Grinsen, das nichts Gutes verheißt. Das Verhältnis zu Mäusen ist kompliziert. Natürliche Feinde: Katzen, Füchse. Der Mensch gilt weniger als Bedrohung denn als Gelegenheit, z. B. Schnürsenkel zu verknoten.

Frischer Löwenzahn riecht nach Zuhause. Nach Grün und Milch und ein bisschen Erde. Eins nach dem anderen waren die Kinder hereingekommen und hatten sich in die Blätter geworfen, plumps, plumps, plumps, und schliefen, bevor die letzte Nase im Grün versunken war. Bis auf eines. Es lag mitten im Haufen der Geschwister und hielt die Augen offen. Irgendetwas hielt es wach. Es horchte in die Dunkelheit, und dann hörte es die Stimmen.

Vorne in der ersten Kammer, wo ein bisschen Nachtlicht durch den Gang fiel. Papa. Und Mama. So leise, dass die Worte unterwegs zerfielen. Das Kind schob die Nase aus den Blättern und lauschte.

„Heute Nacht", sagte Papa. „Es muss heute Nacht sein."

„Wenn der erste Frost kommt, machen sie den Keller zu", sagte Mama.

„Der größte Käse, den es je gab." Papas Stimme war fast nur noch ein Flüstern, aber darunter brannte etwas. „Ein ganzer Laib. So groß wie ich."

Eine Pause. Dann Mama, noch leiser: „Und die Katze?"

„Die Katze schläft."

„Die Katze schläft nie."

Darauf sagte Papa nichts. Und das Kind, hinten im Löwenzahn, merkte sich das Wort. Katze. Es hatte noch nie eine gesehen. Aber so, wie Mama es aussprach, wollte es auch keine sehen.

Dann sagte Mama noch etwas, und das Kind setzte sich auf.

Hundertmal war Papa schon losgezogen. Immer gleich: Papa an der Höhlenmündung, die Augen am Leuchten, und Mama, die die Augen verdrehte und irgendetwas murmelte über Männer und Abenteuer und wer denn morgen die Betten mache.

Heute verdrehte Mama die Augen nicht.

„Nimm die Krähe", sagte sie. Und dann, ganz leise: „Und komm zurück."

Da war es. Nicht der Käse hielt das Kind wach. Mamas Stimme, die diesmal nicht spottete. Wenn Mama Angst hatte, dann war diese Nacht keine von den hundert. Dann durfte man sie nicht verschlafen.

Schritte im Gang. Das Kind ließ sich zurück in den Löwenzahn fallen, machte die Augen zu und atmete langsam, wie ein Schnullifaxx atmet, der behauptet zu schlafen. Papa kam vorbei. Er roch nach Erde und nach etwas Weitem, nach draußen. Er blieb einen Atemzug stehen. Zählte vielleicht seine Kinder. Dann ging er.

Das Kind machte die Augen wieder auf.

Bleib im Bett, hätte Mama gesagt. Du bist zu klein. Die Nacht ist zu groß. Und das Kind hätte genickt, brav genickt, und wäre trotzdem gegangen. So sind Schnullifaxxe eben. Wo etwas ist, das sie noch nie gesehen haben, da müssen sie hin. Immer.

Es kletterte aus den Blättern. Über ein Geschwister hinweg, das im Schlaf strampelte und etwas von Haselnüssen murmelte. Um das nächste herum, das quer lag, wie es immer quer lag. Am Ausgang schlief die alte Tante, die eine Nase hatte wie ein Regenfass, und das Kind hielt die Luft an und schlich an ihr vorbei. Es machte dabei ungefähr so viel Krach wie ein Kieselstein, der eine Treppe hinunterspringt. Aber Papa dachte an Käse, und wer an Käse denkt, hört sowieso nichts mehr.

Draußen stand die Nacht.

Kühle Luft, die nach nassem Gras roch und von ganz weit her nach Rauch. Irgendwo rief ein Vogel, den das Kind nicht kannte, drei Töne, dann Stille. Das Kind hatte die Nacht noch nie von draußen gesehen. Der Himmel war nicht schwarz. Er war tief und blau und voller Sterne, und er war so groß, dass dem Kind schwindelig wurde, als könnte es hinauffallen statt hinunter.

Silbern lag die Wiese da. Und mitten drauf, auf einem Stein, wartete die Krähe.

Sie war riesig. Schwarz wie ein Loch im Himmel, ein Auge wie eine nasse Beere. Sie musterte Papa, Papa musterte sie, dann nickten sie sich zu wie zwei, die schon oft etwas zusammen angestellt hatten, von dem man besser nicht redet.

Papa kletterte hinauf und packte das Gefieder.

Und das Kind rannte.

Über die silberne Wiese, so schnell die kurzen Beine trugen, das Herz oben im Hals. Die Krähe spannte schon die Flügel. Im allerletzten Sprung warf sich das Kind vor und krallte sich fest, tief in das lange Gras auf Papas Rücken, das Gesicht in der Erde, die nach Papa roch, die Finger um die Halme wie um das Leben selbst.

Die Krähe schlug einmal mit den Flügeln.

Die Höhle, die Wiese, die ganze Welt fielen nach unten weg.

Der Wind riss und zerrte, kalt wie Wasser. Tief unten wurde alles klein. Der Stein, die Wiese, das dunkle Loch, in dem die Geschwister schliefen. Klein wie eine Haselnuss. Klein wie eine Krume. Klein wie nichts.

Das Kind hielt sich fest, hielt die Luft an und wagte nicht zu blinzeln. So viel Angst hatte es noch nie in seinem kleinen Leben gehabt.

Und dann, mitten in der Angst, ganz gegen seinen Willen, breit und dreckig und leuchtend im Sternenlicht, grinste es.

Die Krähe stieg immer weiter. Ganz oben, wo die Luft dünn wurde und der Wind auf einmal gleichmäßig blies, legte sie sich in die Höhe und flog.

Jetzt sah das Kind die Welt.

Es hatte nicht gewusst, dass die Welt so groß war. Unter ihnen lag das Land wie eine dunkle Decke, und jemand hatte Dinge daraufgelegt: die schwarzen Buckel der Hecken, die Gärten mit ihren schlafenden Beeten, einen Weg, der hell durch die Nacht lief wie ein Band, das jemand verloren hatte. Ein Teich blinzelte den Mond an. Ein Wald stand am Rand wie eine Versammlung, die auf etwas wartete.

Etwas huschte durch die Dunkelheit, klein und flatterig. Dann noch eins, und noch eins. Fledermäuse. Sie nähten die Nacht zusammen mit unsichtbaren Stichen und kümmerten sich nicht um die Krähe. Aber als weiter vorn ein großer, lautloser Schatten vorüberzog, breit wie ein aufgespannter Mantel, da zuckte die Krähe zur Seite, und dem Kind rutschte der Magen hinterher. Eine Eule. Die Krähe schlug einen Bogen um sie, und der Schatten verschwand wieder in der Dunkelheit, aus der er gekommen war.

Vorn, wo das Kind ihn nicht sehen konnte, fing Papa an zu reden. Leise. So, wie man redet, wenn man glaubt, dass keiner zuhört.

„Nicht zu tief", sagte Papa zur Krähe. „Erst am Stall vorbei. Dann das kleine Fenster." Eine Pause, und der Wind trug die nächsten Worte fast weg. „Ich weiß. Ich weiß ja. Das letzte Mal war knapp."

Das Kind lag ganz still im Gras auf Papas Rücken und hörte einen Papa, den keins seiner Geschwister je gehört hatte. Keinen, der prahlte. Keinen, der lachte. Einen, der rechnete. Einen, der ein bisschen Angst hatte und trotzdem flog.

Und dann kam der Hof.

Er wuchs aus der Dunkelheit, größer und größer. Ein Haus mit einem spitzen Dach. Ein Stall, so lang wie zehn Höhlen nebeneinander. Ein Hof aus Stein, über den der Mond ein kaltes Licht goss. Und an der Seite des Hauses, tief unten, halb im Boden, ein kleines Fenster.

Es war schwarz. Es stand offen. Es sah aus wie ein Mund, der auf etwas wartete.

Da drin war der Käse.

Die Krähe legte die Flügel an.

Der Boden kippte nach oben.

Und sie stürzten hinab.

Die Krähe schoss durch das schwarze Fenster, und die Nacht war weg.

Kein Wind mehr. Keine Sterne. Nur kalte, steinerne Luft und ein Dunkel, das anders war als das Dunkel draußen, dichter, älter, mit einem Geruch darin, den das Kind nicht kannte. Die Krähe fing sich mit einem einzigen harten Flügelschlag und setzte sich auf einen Balken, hoch oben unter der Decke, und saß dann so still, als wäre sie schon immer dort gewesen.

Papa atmete aus. Und drehte sich um.

Das Kind hatte keine Zeit, sich zu verstecken. Papas Gesicht war auf einmal ganz nah, und in Papas Augen stand kein Leuchten mehr, sondern etwas anderes, etwas, das das Kind noch nie darin gesehen hatte.

„Du", flüsterte Papa. Nur das eine Wort. Dann noch einmal, und jetzt lag ein Zittern darin: „Du. Was machst du hier."

Das Kind machte den Mund auf. Aber alle Erklärungen, die eben noch so gut geklungen hatten, waren unterwegs verloren gegangen, irgendwo zwischen der Höhle und dem Himmel und dem Sturz durch das Fenster.

Papa schloss die Augen. Einen Atemzug lang. Dann packte er das Kind an der Schulter, fest, und zog es dicht an sich heran.

„Zum Zurückfliegen ist es zu spät", flüsterte er. „Also hör mir zu. Du bleibst hinter mir. Immer. Was auch passiert. Hörst du?"

Das Kind nickte.

„Sag es."

„Hinter dir", flüsterte das Kind. „Immer."

Erst jetzt sah es den Keller.

Er war riesig. Die Regale stiegen in die Höhe wie Felswände, vollgestellt mit Gläsern und Krügen und Säcken, die im Dunkeln lagen wie schlafende Tiere. Von dem kleinen Fenster fiel ein einziger blasser Streifen Mondlicht schräg hinunter auf den Boden. Alles andere war Schatten. Und über allem lag dieser Geruch, schwer und satt und golden, ein Geruch, der einem Schnullifaxx durch die Nase direkt ins Herz fährt und dort etwas weckt, das man mit aller Vernunft nicht mehr zum Schweigen bringt.

Da war er.

Mitten im Mondlicht, auf einem Brett aus Holz, lag der Käse.

Er war größer, als das Kind es sich ausgemalt hatte. Größer als Papa. Ein ganzes Rad, blassgold und glänzend, und der Geruch, der davon aufstieg, war so dick, dass man ihn beinahe kauen konnte. Papa stand ganz still und starrte. Seine Nase zuckte. Für einen Moment vergaß er die Krähe, den Keller, die Nacht, das Kind hinter sich. Für einen Moment gab es auf der ganzen Welt nur ihn und den Käse.

Und dann bewegte sich der Käse.

Nein. Nicht der Käse. Etwas auf dem Käse. Es hatte dort gesessen, so still wie alles andere, und jetzt richtete es sich auf und drehte den Kopf, und zwei kleine, blanke Augen sahen genau zu ihnen herüber.

Eine Maus.

Sie saß auf dem Käse, als gehörte er ihr. Und Papa stand davor, als gehörte er ihm. Und beide wussten in derselben Sekunde ganz genau, wie die Sache lag: Der Käse gehörte, ohne den geringsten Zweifel, Papa. Und ebenso zweifellos gehörte er der Maus.

„Der ist meiner", flüsterte Papa.

„Ich war zuerst hier", flüsterte die Maus zurück.

„Ich bin durch das Fenster gekommen. Auf einer Krähe."

„Und ich wohne drei Wände weiter. Seit dem Sommer. Wo warst du im Sommer?"

Papa öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Die Maus hatte da einen Punkt, und das machte alles nur schlimmer. Die beiden schoben sich näher aneinander heran, langsam, Schritt für Schritt, das Gras auf Papas Rücken stellte sich auf, die Schnurrhaare der Maus zitterten, und keiner nahm mehr den Blick vom anderen.

Das Kind stand hinter Papa und schaute zu und lernte in diesem Augenblick etwas über seinen Vater, das in keiner seiner Geschichten vorkam. Dass es einen Punkt gibt, an dem ein Schnullifaxx etwas so sehr will, dass er alles andere vergisst. Sogar das kleine Fenster über sich. Sogar das Wort Katze. Sogar, für einen Wimpernschlag, das eigene Kind.

Und genau in diesem Wimpernschlag ging oben die Tür auf.

Ein Riegel schnappte. Licht fiel die Treppe herunter, gelb und schwankend. Schritte. Schwere, langsame Schritte, eine Stufe nach der anderen, und mit jedem Schritt wuchsen die Schatten an den Wänden ins Ungeheure.

Papa und die Maus erstarrten mitten in ihrem Streit.

„Ein Mensch", hauchte die Maus, und war zwischen zwei Herzschlägen verschwunden, hinein in eine Ritze, die das Kind nicht einmal gesehen hatte.

Papa fuhr herum, packte das Kind mit beiden Händen und drückte seine Stirn an dessen Stirn.

„Jetzt hör mir zu", flüsterte er, so schnell und so leise, dass die Worte fast keine Worte mehr waren. „Ein Mensch sieht nichts. Merk dir das. Ein Mensch will nichts sehen. Er geht durch die Welt und schaut daran vorbei, und das ist das Beste, was uns je passiert ist. Mach dich rund. Zieh das Gras über dich. Sei ein Büschel, sei ein Klumpen Erde, sei irgendetwas, das schon immer da war. Und was auch geschieht, egal was, du darfst eins nicht: Du darfst nicht blinzeln."

Dann rollte Papa sich zusammen. Es ging so schnell und so glatt, dass aus dem Vater von eben mit einem Mal nur noch ein runder, dreckiger Grasbüschel war, der zwischen den Säcken lag, als hätte ihn der Wind hineingeweht.

Das Kind versuchte es auch.

Aber das Kind hatte es noch nie richtig getan. Es zog die Beine an und den Kopf ein und schob das kurze Gras über sich, so gut es ging, und wurde eine Kugel, aber eine krumme, schiefe, viel zu kleine Kugel, und es lag nicht zwischen den Säcken im Schatten, sondern mitten auf dem freien Steinboden, mitten im schwankenden Licht.

Der Mensch kam die letzte Stufe herunter.

Er war so groß, dass das Kind ihn gar nicht ganz sehen konnte, nur bis zu den Knien, dann verlor er sich nach oben ins Dunkle. Die Lampe in seiner Hand warf das Licht hin und her. Große Stiefel kamen über den Boden, einer, noch einer, und dann blieb ein Stiefel stehen. Direkt neben dem Kind.

Das Kind machte sich so klein und so rund und so still, wie es sich in seinem ganzen Leben noch nicht gemacht hatte. Es dachte an nichts als an das eine: nicht blinzeln. Nicht blinzeln. Die Augen offen, weit offen, obwohl sie brannten, obwohl alles in ihm schrie, sie zuzumachen.

Der Mensch bückte sich.

Eine Hand kam herunter, groß wie ein Dach, und legte sich um das Kind und hob es hoch.

Die Welt drehte sich. Das Kind flog nach oben, ins Licht, ganz nah an ein Gesicht, das so groß war wie eine Höhlenwand, mit großen, müden, halb geschlossenen Augen. Der Mensch hielt das Kind vor die Lampe und drehte es hin und her. Das Kind spürte die warme, raue Haut rundherum und hielt jeden einzelnen Muskel still. Seine Nase, die rosa Nase, an der kein Dreck haftet, zeigte genau nach oben, mitten ins Licht, und das Kind war sicher, jetzt, gleich, muss er sie sehen. Und die Augen brannten und brannten und wollten blinzeln, wollten es so sehr, dass es fast wehtat.

Aber der Mensch sah kein Kind.

Er sah einen Klumpen Dreck mit ein bisschen Gras daran. Etwas, das der Wind durch das Fenster geweht hatte. Er runzelte die Stirn, und in seinem Gesicht stand genau das, was Papa gesagt hatte: Er wollte nichts sehen. Er sah müde weg, bereit, den Klumpen einfach beiseitezuwerfen und wieder schlafen zu gehen.

Und da, ganz nah vor der Nase des Kindes, am Ärmel des Menschen, saß ein Knopf.

Er war aus Messing und fing das Lampenlicht ein und glänzte, rund und golden und wunderschön, das Schönste, das das Kind in dieser ganzen langen Nacht gesehen hatte. Und das Kind hatte solche Angst, dass es kaum atmen konnte, und war gleichzeitig so neugierig, wie nur ein Schnullifaxx neugierig sein kann, und tat das Einzige, was ein Schnullifaxx tut, wenn etwas Unbekanntes direkt vor seiner Nase glänzt.

Es biss zu.

Ein winziges Ziehen, ein leises Knacken des Fadens, und der Knopf war los.

Der Mensch spürte nichts als ein Bröckeln in seiner Hand, machte ein angewidertes Geräusch und warf den Dreckklumpen weg. Das Kind flog durch die Dunkelheit, den Knopf fest zwischen den Zähnen, und landete weich in etwas Rauem und Trockenem, in einem Sack voller Stroh, und rollte und blieb liegen und rührte sich nicht.

Die Stiefel gingen zurück. Eine Stufe, noch eine. Oben fiel die Tür ins Schloss. Der Riegel schnappte. Das gelbe Licht war weg.

Dunkel. Still.

Das Kind rollte sich aus, ganz langsam, wie ein Schnullifaxx sich eben ausrollt, viel langsamer, als er sich zusammenrollt. Es setzte sich auf im Stroh, das Herz wie eine Trommel, und öffnete die Hand.

Da lag der Knopf. Messing, noch warm von der Hand des Menschen, schwerer als alles, was das Kind je gehalten hatte. Es wusste noch nicht ganz, was es da hielt. Aber es wusste, dass es ihm gehörte, dass es ihn selbst geholt hatte, ganz allein, einem Menschen abgetrotzt, der es in der Hand gehalten und trotzdem nicht gesehen hatte.

Das Kind saß im Stroh und grinste in die Dunkelheit.

Und in der Dunkelheit, tief unten am Boden, dort, wo eben noch nichts gewesen war, öffneten sich langsam zwei Augen. Grün. Und sie sahen genau her.

Das Kind saß ganz still. Es wusste noch nicht, was die grünen Augen waren. Aber sein Körper wusste es. Jeder Grashalm auf seinem Rücken stellte sich auf.

Die Augen kamen näher, und mit ihnen kam ein Körper aus dem Schwarz unter dem untersten Regal, lang und tief und ohne das leiseste Geräusch. Größer als die Maus. Größer als Papa. Größer als die Hand des Menschen. Es bewegte sich wie Wasser, als hätte es alle Zeit der Welt, und es nahm die grünen Augen kein einziges Mal von dem Kind.

Das Kind erinnerte sich an das Wort. Katze.

Papas Stimme, irgendwo aus den Säcken, ganz leise: „Nicht bewegen." Er rollte sich aus, viel zu langsam, immer viel zu langsam, das Ausrollen dauert eben doppelt so lang. „Ganz ruhig. Schau sie nicht an."

Aber die Katze hatte längst gesehen. Und eine Katze, die gesehen hat, wartet nicht.

Sie sprang.

Und dann geschah alles auf einmal.

Papa brach aus den Säcken hervor mit einem Gebrüll, einem richtigen Schnullifaxx-Gebrüll, das nicht besonders groß ist, aber alles war, was er hatte, und warf sich zwischen das Kind und die grünen Augen. Oben stob die Krähe erschrocken vom Balken auf, ein schwarzer Sturm aus Flügeln, krachte gegen das Fenster, einmal, zweimal, und dann war sie hindurch und draußen und weg in der Nacht. Und mit ihr der Weg nach Hause.

Die Pfote der Katze schlug dort auf den Stein, wo das Kind eben noch gewesen war. Krallen wie weiße Haken kratzten über den Boden.

Papa packte das Kind. „Lauf!" Aber da war nirgendwo hin. Regale wie Wände. Und die Katze zwischen ihnen und allem.

Und dann, aus der Ritze in der Wand, kam die Maus.

Sie hätte im Warmen bleiben können. Sie hätte die Fremden der Katze überlassen und ihr Loch und ihre Ritze behalten können, und genau das hätte jeder Vernünftige getan. Aber wenn die Katze kommt, dann stehen eine Maus und ein Schnullifaxx nebeneinander. Das ist älter als jede Vernunft. Die Maus schoss quiekend hervor, mitten über die Nase der Katze hinweg, ein kleiner, wütender Blitz, und der Kopf der Katze fuhr herum und ihr nach.

Ein Herzschlag. Mehr brauchten sie nicht.

„Da lang!" Die Maus war schon wieder an der Ritze. Papa schob das Kind vor sich her. Das Kind rannte, den Knopf in der Faust, ins Dunkle, über den kalten Stein. Hinter ihm Papa. Hinter Papa die Katze, die herumwirbelte und kam, riesig.

Im Rennen kippte das Brett.

Das große goldene Rad rollte herunter, langsam und beinahe feierlich, schlug auf den Boden und rollte davon. Und die Katze, für einen einzigen Herzschlag hin- und hergerissen zwischen der Beute und dem Käse, setzte eine Pfote darauf. Das Letzte, was das Kind von dem größten Käse sah, den es je gegeben hatte, war die Katze, die sich im Mondlicht darüberkauerte. Dann verschluckte die Ritze alles, und es war dunkel.

Aber im Dunkeln fuhr die Pfote noch einmal nach, schnell, schneller, als etwas so Großes sich bewegen dürfte, herein durch den Mund der Ritze. Und das Kind hörte Papa ein Geräusch machen, das es ihn noch nie hatte machen hören.

Sie stürzten hindurch, alle drei, in eine Schwärze, die nach Maus roch und nach Sicherheit, und lagen da und rangen nach Luft.

Das Kind suchte im Dunkeln mit den Händen nach Papas Gesicht. Papa atmete schwer. Und an Papas Seite, dort, wo das Gras wuchs, war etwas Nasses. Und Warmes. Und Neues.

„Papa?"

„Ist nichts", sagte Papa. Das sagen Väter so. „Ist gar nichts."

Aber das Kind hatte es gespürt. Der Held hatte eine Wunde. Und irgendwo hinter ihnen, auf der anderen Seite der Wand, fraß die Katze den größten Käse, den es je gegeben hatte, ganz allein, im kalten Mondlicht.

Kein Käse. Keine Krähe. Weit weg von zu Hause, im Dunkeln, unter dem Boden eines Fremden.

Das Kind hielt den Knopf noch immer fest, so fest, dass die Finger schmerzten. Er fühlte sich jetzt nicht mehr wie ein Sieg an.

Aus dem Dunkeln kam die Stimme der Maus, leise, ein bisschen außer Atem.

„...Also", sagte sie. „Meiner wäre der auch gewesen."

Und trotz allem, im Dunkeln, verletzt und verloren und weit von zu Hause, fing Papa an zu lachen.

Sie lagen im Dunkeln, bis das Atmen ruhiger ging.

Die Maus stand als Erste auf. Sie kramte irgendwo in ihrer Ritze herum und kam mit einem Bausch aus Spinnweben und trockenem Moos zurück und drückte ihn Papa fest an die Seite, dorthin, wo das Warme war.

„Halt still", sagte sie. „Du blutest mir die ganze Ritze voll."

Papa hielt still.

Eine Rivalin verbindet dir nicht die Wunde. Das tut eine Freundin. Keiner von beiden sagte das Wort. Aber das Kind saß daneben und sah es, so wie es in dieser Nacht schon so vieles zum ersten Mal gesehen hatte.

Dann war da die Frage, wie man nach Hause kam.

Keine Krähe mehr. Papa konnte kaum laufen. Das Kind war zu klein für den weiten Weg, und draußen ging die Nacht schon zu Ende.

„Ich kenne einen Weg", sagte die Maus. „Unten durch. Durch die Gänge. Es ist weit. Aber es ist warm." Sie sah Papa an, und dann sah sie weg. „Und außerdem." Sie machte den Satz nicht fertig. Manche Sätze macht auch eine Maus nicht fertig.

So ritt das Kind nach Hause.

Nicht hoch oben auf einer Krähe, im kalten Wind, wo die ganze Welt nach unten wegfällt. Sondern tief unten, auf dem warmen Rücken der Maus, dicht an der Erde, durch enge dunkle Gänge, die nach Wurzeln rochen und nach Moos und ein bisschen nach Maus. Papa ging nebenher, eine Hand an der Seite, die andere am Kind. Oben, in der Nacht, war alles riesig und fremd und schrecklich gewesen. Hier unten war alles klein und nah und roch schon nach Zuhause, lange bevor es Zuhause war.

Der Weg war lang. Und als es endlich aufwärtsging, wurde es vor ihnen heller, der erste, blasse Anfang des Morgens. Noch bevor sie oben waren, kam der Geruch.

Frischer Löwenzahn.

Das Kind kannte diesen Geruch, seit es denken konnte. Er bedeutete: Du bist da. Du bist sicher. Jetzt ist Schluss für heute.

Am Eingang der Höhle blieb die Maus stehen.

Sie war noch nie in ihrem Leben über die Schwelle eines Schnullifaxx gegangen. Das tut man nicht. Das ist die älteste Regel von allen. Eine Maus geht nicht in eine Schnullifaxx-Höhle, und ein Schnullifaxx geht nicht in einen Mäusebau, und dazwischen liegt ein Streit, der so alt ist wie die Erde.

„Komm rein", sagte Papa.

Die Maus zögerte. Sie sah in das warme Dunkel hinein. Dann, ganz vorsichtig, mit einer Pfote nach der anderen, kam sie herein.

Und drinnen stand Mama.

Sie hatte nicht geschlafen. Das sah das Kind sofort. Sie stand da im ersten grauen Licht des Morgens, und ihr Blick ging über sie alle: über Papa und das Nasse an seiner Seite, über das Kind, das fort gewesen war, über die Maus in ihrer Höhle.

Sie machte den Mund auf.

Und das Kind wusste, jetzt kam sie, die Standpauke seines Lebens, kam alles auf einmal, wo warst du und wie konntest du und weißt du eigentlich und nie wieder, nie, nie wieder.

Aber Mama sagte nichts.

Sie ging in die Knie und zog das Kind an sich, so fest, dass es kaum Luft bekam, und hielt es einfach, und sagte kein einziges Wort. Und das Kind spürte, dass Mama zitterte. Ganz leise. So wie man nach einer Nacht zittert, in der man Angst gehabt hat, so viel Angst, dass das Zittern erst hinterher kommen darf.

Dann ließ sie das Kind los, wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht und sah die Maus an. Lange. Eine Maus. In ihrer Höhle.

Und dann tat Mama das, was ein Schnullifaxx tut, wenn er Danke sagen will und keine Worte dafür findet: Sie ging hinaus in den grauen Morgen, holte einen ganzen Arm voll frischen Löwenzahn, kam zurück und machte daraus, gleich neben den Betten der Kinder, noch ein Bett. Ein kleines. Für die Maus.

Papa hatte sich hingesetzt, den Rücken an die Wand. Er winkte das Kind zu sich heran und suchte im Gras auf seinem eigenen Rücken herum, bis er einen langen, festen Halm gefunden hatte. Den fädelte er durch den Knopf, langsam, weil seine Hände nicht mehr so ruhig waren wie sonst, und knotete ihn, und hängte ihn dem Kind um den Hals.

Der Messingknopf lag auf der dreckigen Brust des Kindes und fing das erste Morgenlicht ein, das durch den Gang hereinfiel.

„Deins", sagte Papa. „Das erste."

Und jetzt erst verstand das Kind, was es da die ganze Nacht in der Faust gehalten hatte. Kein glänzendes Ding. Eine Geschichte, die man tragen kann.

Ob eines Tages eine Blume neben dem Knopf wachsen würde oder ob Federn und andere Knöpfe dazukämen, das wusste an diesem Morgen noch keiner. Bei Kindern weiß man das nicht. Es spielt auch keine Rolle. Ein Knopf ist ein Knopf, und ein Abenteuer ist ein Abenteuer, und das reicht vollkommen.

Die Geschwister wachten auf.

Sie kamen aus dem Löwenzahn hervorgekrochen, eins nach dem anderen, verschlafen und struppig, und dann sahen sie das Kind, und den Knopf, und die Maus, und mit einem Schlag waren alle hellwach und redeten durcheinander und fragten und fragten.

Und da wurde die Geschichte erzählt.

Nicht von Papa. Von dem Kind.

Es erzählte von der Krähe und vom kalten Wind und davon, wie die ganze Welt nach unten wegfiel. Von dem Keller, so groß wie zehn Höhlen, und von dem Käse, größer als Papa. Von der Maus, die genau hier saß und dazwischenrief, dass der Käse ganz eindeutig ihrer gewesen wäre, worauf das Kind sagte, ganz eindeutig Papas, und die beiden fingen fast wieder von vorne an, bis Papa lachte und beide still wurden.

Es erzählte vom Menschen. Von der Lampe. Von der Hand, so groß wie ein Dach, die es hochhob, hoch ins Licht. Vom Luftanhalten. Vom Nicht-Blinzeln, obwohl die Augen brannten. Und wie der Mensch es angesehen und trotzdem nicht gesehen hatte, weil Menschen eben nichts sehen wollen.

Dann zeigte es den Knopf.

Papa erzählte die Stücke dazu, die das Kind zu klein gewesen war zu sehen. Und die Stücke mit der Kralle ließ er weg. Und das Kind, das die Kralle gespürt hatte, ließ sie auch weg. Nur Mama hörte, was keiner sagte. So wie sie immer hört, was keiner sagt.

Und dann, mitten im Erzählen, fielen dem Kind fast die Augen zu.

Es hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Papa auch nicht, und Papa lehnte längst schwer an der Wand, die Seite verbunden, die Augen schon halb zu. Und die Maus war in ihrem neuen Bett schon ganz weg, die Schnurrhaare zuckten, sie träumte bestimmt von Käse. Drei, die eine ganze Nacht wach gewesen waren. Einer nach dem anderen fielen sie um, plumps, plumps, plumps, hinein in den frischen Löwenzahn, und schliefen.

Die anderen aber schliefen längst nicht mehr.

Die hatten die ganze Nacht durchgeschlafen, und jetzt war Morgen, und in ihnen wirbelte der Sturm schon wieder los. Eine Geschichte wie diese hält kein Schnullifaxx-Kind still auf dem Bett. Sie rannten aus der Höhle hinaus in die Sonne, und noch bevor der Tau von den Halmen war, spielten sie schon das ganze Abenteuer nach.

Einer war die Krähe, breitete die Arme aus und flog schreiend über die Wiese. Einer war der Mensch, stapfte mit riesigen Schritten herum und schaute an allem vorbei, und alle anderen igelten sich ein und hielten die Luft an und durften nicht blinzeln. Einer war die Katze und schlich mit weit aufgerissenen Augen ums Löwenzahnbeet. Und um die Rolle der Maus, die sich mitten über die Nase der Katze geworfen hatte, gab es den ersten Streit des Tages. Denn die Maus, das war jetzt der Held. Und Held wollte natürlich jeder sein.

Drinnen, im kühlen Dunkel, saß Mama zwischen den dreien, die schliefen. Sie sah auf Papa und das Kind und die Maus, und sie tat, was sie immer tat. Sie tat so, als hörte sie dem Lärm da draußen nicht zu.

Sie hörte zu.

Das Kind bekam von alldem nicht mehr viel mit. Es war das Letzte der drei, das noch die Augen offen hatte, genau wie in der Nacht davor. Es lag im frischen Löwenzahn, der nach Zuhause roch, der Knopf warm auf der Brust, und von draußen kam die Sonne herein und mit ihr das Lachen der Geschwister, das Krähen und das Fauchen und der Streit um die Maus. Seine Geschichte. Keine Stunde alt, und schon spielten sie sie überall auf der Wiese.

Das Letzte aber, was das Kind sah, bevor ihm die Augen zufielen, war Mama.

Sie hatte sich über die schlafende Maus gebeugt. Ganz leise, damit sie nicht aufwachte, stellte sie ihr etwas zu trinken hin. Und daneben legte sie eine Haselnuss.

Eine Haselnuss. Das Kostbarste, was ein Schnullifaxx besitzt. Das, worum sie streiten, bis eine Fehde drei Winter dauert. Und Mama legte sie der Maus hin, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Das Kind grinste. Und schlief ein.

Es war der erste Knopf.

Es würden andere kommen. So ist das bei den Schnullifaxxen, das eine Abenteuer ruft das nächste, und ein Leben füllt sich mit Federn und Knöpfen und Zahnlücken und Narben, bis man selbst der ist, der abends an den Betten sitzt und erzählt.

Aber den ersten Knopf, den vergisst man nie.

Die Welt braucht mehr Liebe und Glitzer