Wirrkopf
Das klebrige Gold der Ewigkeit
Eine Geschichte über Wirrkopf den Kahlen von Eric Jankowfsky
Die graue Stadt

Die Zeit war krank in dieser Stadt.

Nicht die Uhren — die liefen tadellos, Minute für Minute, wie kleine eiserne Herzen ohne Mitgefühl. Die Zeit selbst war krank. Sie raste. Sie hetzte. Sie schlug mit unsichtbaren Peitschen auf die Schultern der Menschen ein und trieb sie vorwärts, immer vorwärts, und wer auch nur einen Moment innehielt, hörte es sofort:

Tick Tack. Tick Tack. SCHNELLER.

Als hätte jemand der Zeit das Träumen verboten.

Der Funkelstein

Die Erwachsenen schauten auf den Boden. Sie schauten auf ihre Uhren. Sie schauten auf den Boden. Nie nach oben, wo der Himmel manchmal Farben macht, für die es noch keine Namen gibt. Ihre Gesichter waren so grau wie der Asphalt unter ihren Füßen, und sie liefen und liefen, ohne zu wissen, wohin — nur weg, immer weg, vor dem Tick Tack.

Weißt du, was das Schlimmste war?

Die Kinder.

Wenn ein Kind seiner Mutter einen Stein hinstreckte — einen echten, wunderbaren Stein mit einer goldenen Ader darin, der flackerte wie eine kleine Kerze —, dann zog die Mutter es weiter. Kein Blick. Kein „Oh!". Nur: Schneller. Keine Zeit.

Irgendwann hörten die Kinder auf, Steine aufzuheben. Und die Vögel hörten auf zu singen. Was nützt ein Lied, wenn niemand stehenbleibt, um es zu hören?

Auf den Spielplätzen saßen die Kinder und starrten vor sich hin. Sie bauten Sandburgen, weil man eben Sandburgen baut — aber ihre Hände bewegten sich wie kleine Maschinen, und ihre Augen, diese wunderbaren Kinderaugen, die eigentlich leuchten sollten wie Sterne, waren matt wie nasse Asche.

Wenn ein Kind hinfiel und sich das Knie aufschlug — und Kinder fallen nun einmal hin, das gehört zum Beruf —, dann gab es kein sanftes Pusten mehr. Kein „Ach du meine Güte, zeig mal her!" Nur ein Pflaster und ein hartes: Weitergehen.

Die Herzen der Menschen zogen sich zusammen. Kleiner und kleiner. Wie kleine, vertrocknete Dinge, die das Licht vergessen haben.

Das alles sah Wirrkopf der Kahle.

Er hatte keine Haare auf dem Kopf — aber dafür solche im Herzen, wenn man das so sagen darf, und in seinem runden Schädel rollten bunte Gedankenmurmeln, die manchmal, wenn er sich wunderte, leise gegeneinanderstießen. Er trug einen Frack, der schon bessere Tage gesehen hatte, und hatte die unerschütterliche Überzeugung von jemandem, der weiß: Wenn die Welt falsch ist, muss man sie eben geradebiegen.

Oder klebriger machen.

Er schüttelte den Kopf, dass die Murmeln klingelten.

„Das geht so nicht weiter."

Rucksack packen

In der Nacht, als alle schliefen und selbst die Uhren ein wenig verschnauften zwischen ihren Tikken, packte Wirrkopf seinen schweren Lederrucksack. Er packte Tontöpfe ein, einen nach dem anderen, jeden versiegelt mit Wachstuch, und in jedem Topf schimmerte und duftete etwas, das der Wald über viele, viele Sommer gesammelt hatte:

Waldhonig.

Echter, schwerer, bernsteinfarbener Waldhonig. Nicht der blasse, der nach nichts schmeckt. Dieser hier roch nach Lindenblüten und Kiefernharz und dem langen Nachmittag, an dem die Bienen summen und die Zeit selbst ein bisschen schläfriger wird. Dieser Honig hatte Geduld. Mehr Geduld als alle Uhren der Welt zusammen.

Wirrkopf pfiff leise vor sich hin und schlich durch die dunklen Gassen.

Am Uhrenturm begann er.

Die Treppe hinauf knarrte bei jedem Schritt, aber Wirrkopf ließ sich nicht hetzen — das wäre ja wohl auch ein schlechtes Zeichen gewesen. Stufe um Stufe, ruhig und beharrlich, bis er oben im staubigen Bauch des Turms stand, von Zahnrädern umgeben, so groß wie er selbst, die tickten und tackten und hämmerten wie zornige Riesen.

Tick. TACK. Tick. TACK.

Wirrkopf schaute sie an. Lange.

„Ihr tut mir fast leid", sagte er. „Fast."

Turmaufstieg
Der Uhrenturm

Dann öffnete er den ersten Tontopf, und der Geruch des Honigs breitete sich aus wie eine warme, unsichtbare Umarmung — langsam, unaufhaltsam, golden — und für einen Moment, nur einen einzigen Atemzug lang, schwiegen sogar die Zahnräder, als würden sie staunen.

Dann goss Wirrkopf.

Schwapp.

Und dann begann etwas Wunderbares, etwas Sanftes, etwas, das keine Uhr der Welt messen konnte: Der Honig legte sich zwischen die hämmernden Zähne der Räder, sickerte in die Spalten und Rillen, floss über das kalte Metall wie ein goldener Sommerregen, und die Zahnräder, die ihr ganzes hartes Leben lang nur gerissen und gezogen und getrieben hatten, wurden — zum ersten Mal — weich berührt.

Sie verlangsamten sich. Zogen sich an. Schmiegten sich an. Rotierten nicht mehr wie Soldaten im Marsch, sondern wie zwei alte Freunde, die nebeneinander gehen, ohne zu wissen, wo sie eigentlich hinmüssen, und die das auf einmal ganz wunderbar finden.

Tick... tack... tick... tack...

Wirrkopf lächelte und stieg wieder hinunter.

Von Haus zu Haus schlich er. Die großen Standuhren in den Fluren: Honig zwischen die Pendel, die im süßen Gold steckenblieben und schwangen wie träumende Zeiger. Die Taschenuhren der Väter auf den Nachttischen: einen einzigen, dickflüssigen, kostbaren Tropfen aus der Glaspipette — direkt ins Herz der kleinen Maschinen, die so lange so schrecklich viel gewollt hatten.

Nacht-Schleichen
Das goldene Erwachen

Am nächsten Morgen war die Welt eine andere.

Eine Minute dauerte so lange, wie eine Minute dauern sollte: sehr, sehr lang. Lang genug, um darin zu wohnen.

Der Bäcker merkte es zuerst. Er schob das Brot in den Ofen und wartete — und wartete — und hatte so viel Zeit zum Warten, dass er anfing, das Brot anzuschauen. Wirklich anzuschauen, wie es aufging, wie die Kruste goldbraun wurde, wie der Duft sich entfaltete. Das Brot schmeckte an diesem Morgen wie das beste Brot der Welt, weil jemand ihm zum ersten Mal zugeschaut hatte.

Auf den Spielplätzen: Oh.

Auf den Spielplätzen bauten die Kinder Sandburgen. Aber was für Sandburgen! Mit Türmen, die bis zu den Knien der Großen reichten. Mit geheimen Gängen, durch die man kriechen konnte, wenn man klein genug war. Eine Burg bekam eine Zugbrücke aus Zweigen. Eine andere eine Flagge aus einem alten Taschentuch. Eine dritte war so groß, dass der Briefträger ernsthaft überlegte, ob er ihr eine eigene Hausnummer geben sollte.

Die Kinder lachten wieder.

Weißt du, was das ist, wenn Kinder wirklich lachen? Es klingt wie ein kleines Fest.

Wenn man ein Kind fragte: „Wie spät ist es?", sagte es: „Zeit für ein Eis!" Oder: „Zeit, diese Ameise zu beobachten." Ein Mädchen mit roten Zöpfen sagte: „Früh genug." Und das stimmte auch.

Gemütlichkeit
Die Kaufleute schrubben

Nun, die Kaufleute.

Die Kaufleute meinten, dass das alles ein Skandal sei. Man musste verstehen, dass sie das meinten — sie kannten nichts anderes als das Tick Tack, und ohne das Tick Tack wussten sie nicht mehr, wo sie anfingen und wo sie aufhörten. Das ist eigentlich sehr traurig, wenn man darüber nachdenkt.

Mit hochroten Köpfen trommelten sie Uhrmacher zusammen. Man holte Eimer. Heißes Wasser. Bürsten. Man machte sich ans Schrubben.

Der Honig ließ sich nicht beleidigen.

Er blieb, roch nach Sommer, und die Uhrmacher, die doch eigentlich schrubben wollten, hörten immer wieder auf und starrten an die Wände und dachten an Dinge, die sie lange vergessen hatten.

Am Bahnhof stand auf der großen Tafel: Drei Jahre Verspätung. Die Fahrgäste saßen auf den Bänken und aßen Brote und schauten den Tauben zu, und niemand regte sich auf. Ein alter Mann spielte auf einer kleinen Mundharmonika. Ein Kind baute aus zwei Koffern eine Festung.

Hoch oben auf dem Kirchendach saß Wirrkopf und schaute auf alles hinab — auf die schrubbenenden Uhrmacher, auf die Kinder, auf den Mann mit der Mundharmonika — und er war so zufrieden, dass die Murmeln in seinem Kopf ganz still lagen.

Er holte tief Luft.

„Liebe Kaufleute!", rief er.

Die Köpfe drehten sich hoch.

Auf dem Kirchendach
Der Kaufmann blickt hinauf

„Ihr könnt den Honig von den Zahnrädern schrubben. Das stimmt. Aber wisst ihr, was ihr nicht schrubben könnt?" Er lehnte sich ein bisschen vor. „Den Geschmack. Den kriegt ihr nie wieder aus eurer Seele heraus. Eure Herzen — ob ihr es wollt oder nicht — eure Herzen haben heute gebadet. In purem Gold."

Stille.

Einer der Kaufleute — ein rundlicher, dessen Schnurrbart aufgehört hatte zu zittern — schnupperte in die Luft.

„Was riecht hier eigentlich so gut?"

„Honig", sagte sein Nachbar.

Der Kaufmann nickte langsam. Schaute auf seine Uhr. Steckte sie wieder ein. Schaute den Kindern zu.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit dachte er: Ach.

Man konnte die Zahnräder putzen. Aber die Zeit, die an diesem Abend in die Stadt eingezogen war — die stille, goldene, zähflüssige Zeit, die nach Lindenblüten und langem Sommer roch — die blieb. Sie saß in den Menschen wie Honig im Wabengitter: unsichtbar von außen, aber innen warm und immer da.

Seitdem schauen die Menschen wieder nach oben.

Sie bleiben stehen, wenn ein Kind ihnen einen Stein zeigt. Sie hören den Vögeln zu. Sie gehen langsamer. Sie atmen tiefer.

Und wenn ein Knie aufgeschlagen ist, wird gepustet.

Natürlich wird gepustet.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann trödeln sie noch heute

Epilog
Schnullifaxx